Die Unsichtbaren

 

Die Sieger schreiben die Geschichte, stand in meinem letzten Beitrag, ihre eigene und die der Besiegten. Aber wer schreibt eigentlich die Geschichte der Unsichtbaren? Der Nicht-Existierenden? All der vielen Menschen, die sich ausserhalb der staatlich definierten Legalität befinden? Wer schreibt die Geschichte der Nicht-Legalen?

Versteckt zu leben ist eine einsame Angelegenheit. Zum einen, weil man in der Regel in einem neuen, ungewohnten Umfeld klarkommen muss und vom Kontakt mit den vertrauten Menschen, den Freund*innen und der Familie abgeschnitten ist. Aber es ist auch ein einsames Leben, weil man sich als jemanden ausgibt, der man nicht ist. Man kann ja schlecht überall rumposaunen, dass man einen Hintergrund von juristischer Verfolgung hat. Da wäre man bald aufgeflogen. Also rückt man sich eine Geschichte zurecht, wer man ist und warum man gerade hier gelandet ist. Eine unpoltische Geschichte, die nicht viel Aufmerksamkeit erregt, mit der die Leute um einen herum gut leben können ohne allzu viele Fragen zu stellen. Dieses sich Verstellen ist die andere Einsamkeit, für mich war es vielleicht die Schlimmere.

Mit dem Verlust meiner Lieben ging ich um, indem ich ihn abkapselte. Ich tat alle diese Gefühle in eine Schachtel und schrieb darauf: „Nicht schütteln, erst öffnen bei wiedererreichter Legalität.“ Ich dachte mir, dass diese abgeschnittene Nähe zu Menschen eine von aussen gewaltsam hergestellte Unterbrechung sei, und deshalb nicht wirklich zählt. Niemand, der mich liebt, würde seine Zuneigung zu mir verändern, nur weil staatliche Behörden das anordnen. Und ich würde es genauso halten. Als ich eines Tages nach mehr als zwanzig Jahren den verstaubten Karton wieder öffnete, war natürlich doch nicht alles wie vorher. Wir alle hatten uns verändert und manches passte einfach nicht mehr zusammen. Aber in vielen Fällen konnten wir emotional tatsächlich einfach wieder da anknüpfen, wo wir stehen geblieben waren, bevor wir durch die Umstände getrennt wurden.

Für die andere, die politische Einsamkeit habe ich nie einen wirklich brauchbaren Umgang gefunden. Lange bevor ich selbst abtauchen musste hatte ich mich mit der Thematik beschäftigt. Ich fand es nicht akzeptabel, dass abgetauchte Genoss*innen einfach aus unserem Leben verschwanden. Ich wollte, dass sie Teil der Bewegung blieben. Uns gefiel das Beispiel der türkisch – kurdischen Genoss*innen, wo auf Demos nicht nur die Bilder der im Kampf Getöteten und der Gefangenen mitgeführt werden, sondern auch Tafeln mit den Namen der Illegalen, wo statt einem Foto ein schwarzer Kasten steht. Eine schöne Form zu sagen: „Ihr seid mit dabei.“ Als ich dann selbst illegal wurde, habe ich versucht, diesen Anspruch umzusetzen. Als Unsichtbarer irgendwie Teil der Bewegung zu bleiben, weiterhin Teil dessen zu sein, weswegen ich weg gehen musste. Ich bin damit vollkommen gescheitert. Weder gab es das Bedürfnis von Seiten meiner früheren Bewegung, noch fand ich Wege, um auf irgend eine Art Teil von etwas zu bleiben.

Aber vielleicht kann ich nachträglich noch etwas beitragen. Wir drei sind sicherlich keine Profis in Sachen klandestines Lebens, wir haben schliesslich in all den Jahren der Illegalität meist nicht konspirative Regeln in den Mittelpunkt unseres Handelns gestellt, sondern in erster Linie versucht, innerhalb der gegebenen Bedingungen halbwegs gut zu leben und auch Spass zu haben. Und vielleicht war es ja auch gerade diese Komponente, die uns so lange hat durchhalten lassen. Aber ein paar praktische Dinge haben wir natürlich doch gelernt. Ich würde gerne diese Erfahrung zur Verfügung stellen für andere, die auf Grund ihres politischen Engagements vor der Entscheidung stehen, entweder für unbestimmte Zeit in den Knast zu müssen, oder dauerhaft in die Illegalität zu gehen. Dass sich dieses Angebot an Linke richtet, sollte klar sein. (Rechte haben das sowieso nicht nötig: Im Fall der Fälle werden sie beim Abtauchen ja schliesslich direkt vom Verfassungsschutz unterstützt, wie beispielsweise die Killer des NSU, die jahrelang unter dessen schützender Hand unbehelligt morden durften.)

Es gab in jüngster Zeit Initiativen, die die Situation der Illegalität von linken Aktivist*innen beleuchten wollten. Leider bleiben die Beiträge im grossen und ganzen im Bereich der Befindlichkeiten, antatt praktisch zu werden. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte vor 25 Jahren diese Materialien zur Verfügung gehabt, als ich in einer Berghütte sass und darüber nachdachte, ob ich es schaffen könnte, mein weiteres Leben in der Illegalität zu verbringen, dann vermute ich, dass mir diese Veröffentlichungen nicht gross weiter geholfen hätte. Es ist offensichtlich, dass die Kolleg*innen meinen, sie könnten zu viel verraten, wenn sie über konkrete Probleme reden. Die Scham ist verständlich, schliesslich will niemand dazu beitragen, dass die abgetauchten Genoss*innen aufgespürt werden können. Dabei ist die Faustregel dazu, was gesagt werden kann und was nicht, ganz einfach: Alles was der Gegner weiss kann und soll veröffentlicht werden. Man begeht keinen Geheimnisverrat, wenn man der Polizei Dinge sagt, die sie eh schon weiss. Aber man unterschlägt Informationen für die eigenen Leute, wenn man diese Sachen für sich behält.

In den bewegten Jahren meiner Politisierung war es gang und gäbe, praktisches Wissen über die Arbeitsweisen der Polizei weiter zu geben. In jeder gut sortierten Wohngemeinschaft lagen Raubdrucke mit Anleitungen dazu, wie man sich einer polizeilichen Observation entzieht, und in der „radikal“ konnte man sich daüber informieren, wie verschlüsselt kommuniziert wird. Gibt es so was noch in Deutschland, oder haben sich alle damit abgefunden, dass die Überwachungsdienste sowieso schon alles wissen?

Es geht mir bei dem Gedanken, konkret über Illegalität zu reden, nicht um Folklore. Nicht um romantisches Gehabe in der Art des Renegado im Kinofilm. Auch nicht um eine mystische Überhöhung in der Art der Stadtguerilla der Siebziger, die behaupteten, die Illegalität sei ein „befreites Gebiet“ innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Das ist Quatsch! Sich zu verstecken, kann ganz schön blöd sein. Da muss man nichts beschönigen. Im Gegenteil meine ich, dass die Art, wie bisher darüber geredet wird, zur Mythenbildung beiträgt. Dadurch, dass für Aussenstehende die Situation im „Untergrund“ gar nicht richtig fassbar wird, wird sie in der Fantasie zu etwas Übermenschlichem. Etwas für Profis, was ohne die Unterstützung von Geheimdiensten oder der Mafia gar nicht zu bewerkstelligen ist. Aber das stimmt nicht. Illegal zu leben braucht keine besonderen Fähgkeiten. Die einzige unverzichtbare Voraussetzung ist Solidarität.

Viel mehr als noch in den Jahren, bevor ich abtauchen musste, haben die Menschen heute offenbar das Prinzip der Legalität verinnerlicht. Es braucht überhaupt keine konkrete Androhung einer Strafe, um sich an die Regeln zu halten. Der mitteleutopäische Mensch ist sein eigener Polizist. Man kann mein Lächeln darüber natürlich als billig abtun, schliesslich musste ich ja zwei Jahrzehnte lang Regeln brechen und Gestze unterwandern, um zu überleben. Da wird die schiere Notwendigkeit schnell zum Selbstverständnis. Aber ich meine doch, dass wir viel selbstbewusster unsere individuellen Rechte als Mensch verteidigen sollten gegen den Anspruch des Staates, über unsere Körper und unsere Zeit verfügen zu dürfen. Selbstveständlich braucht Zusammenleben Regeln, Regeln die von allen Beteiligten des Gemeinwesens gleichberechtigt erstellt werden. Solche Regeln können dann auch gegen den Willen Einzelner durchgesetzt werden. Aber diese Situation besteht in Deutschland nicht. Es gibt hier keine Rechtsgleichheit zwischen Reichen und Armen. Die Möglichkeit der Beteiligung der grossen Mehrheit am Rechtssystem ist marginal, während die wenigen Reichen über unendlich viele Möglichkeiten verfügen, die Regeln gemäss ihrer Interessen zu gestalten. Warum beispielsweise stehen in einer Gesellschaft, die keineswegs mehrheitlich rechtsradikal ist, die Sicherheitsbehörden schon immer ganz rechts? Und warum hat die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung keinerlei Möglichkeiten, daran etwas zu ändern? In einem Rechtssystem, in dem die Regeln von allen gemacht würden, wäre der Verfassungsschutz schon vor Jahrzehnten aufgelöst worden.

Die Demokratie ist in Deutschland Makulatur, eine Spielwiese, auf der alle mitmachen dürfen, die nichts Grundlegendes verändern wollen. Dass da mittlerweile auch alle möglichen Leute mitturnen, die dieses System früher mal abgelehnt haben, ändert nichts an dem Prinzip. Deshalb geht von diesem System keine Legitimität aus. Und deshalb hat jeder Mensch innerhalb dieser Gesellschaft das Recht und sogar die Verpflichtung, Gesetze, die der Moral zuwiderlaufen, zu brechen. Das bedeutet, dass man sich in Deutschland, wenn man das richtige tut, schnell in einer illegalen Situation wiederfindet. Wir müssen dafür nicht unbedingt den Rückbau von Abschiebegefängnissen als Beispiel heranziehen. Es reicht schon, sich anzuschauen wie Menschen behandelt werden, die sich gegen gegen den weiteren Abbau von Kohle zur Wehr setzen, weil sie nicht einsehen, dass die Profitinteressen weniger Reicher über dem kollektiven Interesse der Menschheit stehen sollen.

Ich möchte dafür plädieren, über das Leben ausserhalb der Legalität zu reden. Eine Diskussion zu führen, die in erster Linie praktisch orientiert ist. Die sich mit abhörsicherer Kommunikation, biometrischen Daten und dem Abschütteln von Verfolger*innen befasst. Und darum, warum es in den am meisten entwickelten Gesellschaften in dem Masse, in dem die Techniken zur Erfassung aller Lebensäusserungen immer allumfassender werden, es für die Menschen immer selbverständlicher wird, sich dieser Erfassung auszuliefern.

Die Vorstellung, in der Illegalität zu leben, hat ausser dem praktischen Aspekt des gezwungenen Überlebens ja noch eine andere Seite. Sie öffnet einen gedanklichen Raum jenseits der totalen Überwachung. Kaum jemand will sich das klar machen. Aus Angst vor bärtigen Terroristen und boshaften Viren kuscheln sich die meisten um einen paternalistischen Staat, der ihnen Schutz verspricht, und stimmen weitgehend konformistisch jeder neuen Konzentration der Macht in den Händen ihres vermeintlichen Beschützers zu. Aber hinter den Schreibtischen und Bildschirmen der Sicherheitsbehörden sitzen Menschen mit eigenen Plänen und Interessen, und nicht erst seit Snowden und NSU 2.0 wissen wir, in welche Richtung die zeigen. Es ist eine Frage der Zukunftssicherung, sich Räume jenseits dieser staatlichen und korporativen Kontrolle zu erhalten. Dafür muss man etwas tun, das kommt nicht von alleine. Man muss forschen, experimentieren, Allianzen schmieden. Und vor allem muss man sich den Freiraum im eigenen Kopf erhalten: Dass ein Leben ausserhalb von oben verordneter Normen unser Recht als Mensch ist.

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